Zeitraum für abgesenkte Sozial- und Gesundheitsleistungen für Asylsuchende darf nicht verlängert werden!

Die Organisation „Ärzte der Welt“ hat einen Offenen Brief an Bundesregierung und Bundestag geschickt, in dem sie dazu auffordert, die gekürzten Leistungen nach AsylbLG nicht auf 36 Monate zu verlängern. 50 Organisationen haben den Brief unterschrieben.

Gesundheit von schutzsuchenden Menschen gefährdet: Zeitraum für abgesenkte Sozial- und Gesundheitsleistungen für Asylsuchende (AsylbLG) darf nicht verlängert werden!

Sehr geehrter Herr Bundeskanzler Scholz,
sehr geehrter Herr Bundesminister Heil,
sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete,

in großer Sorge um die Gesundheit schutzsuchender Menschen in Deutschland rufen wir Sie mit aller Dringlichkeit dazu auf: Stoppen Sie sofort das Vorhaben, den Zeitraum von 18 auf 36 Monate zu verlängern, in dem Asylsuchende nur Anspruch auf abgesenkte Sozial- und Gesundheitsleistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz erhalten sollen!

Seit es das Asylbewerberleistungsgesetz gibt – seit über 30 Jahren - bezeugen zivilgesellschaftliche Organisationen und Verbände in ihrer humanitären Arbeit die ernsten Folgen, die es für die Gesundheit geflüchteter Menschen hat, sie von notwendigen Sozialleistungen und insbesondere medizinischer Versorgung auszuschließen. Aktuell noch haben Asylsuchende in den ersten 18 Monaten lediglich Anspruch auf medizinische Versorgung bei akuten Schmerzen, Schwangerschaft und Geburt. Oft entscheidet medizinisch nicht geschultes Personal in den Sozialämtern, ob darüber hinaus Leistungen in Anspruch genommen werden können - zum Beispiel bei chronischen und psychischen Erkrankungen. Daneben haben Geflüchtete mit massiven Barrieren wie Diskriminierungen und Verständigungsproblemen zu kämpfen.

Die Bundesregierung wurde bereits mehrfach von den Vereinten Nationen dafür gerügt, dass Deutschland Asylsuchenden das Recht auf Gesundheitsversorgung verwehrt. Sie nun noch länger zu benachteiligen, ist menschenrechtswidrig und ignoriert die jüngste ausdrückliche Aufforderung des UN-Komitees zur Konvention gegen Rassismus (ICERD), die Ungleichbehandlung im Zugang zu Sozial- und Gesundheitsleistungen zu beenden (08.12.2023).

Auch das Bundesverfassungsgericht hat schon vor über zehn Jahren entschieden, dass die „Menschenwürde … migrationspolitisch nicht zu relativieren“ ist. Der Versuch, die Flucht nach Deutschland zu begrenzen, indem man Geflüchteten den Zugang zu notwendiger Gesundheitsversorgung versagt, ist also nicht nur unwirksam (Sozial- und Gesundheitsleistungen als Pull-Faktor für Migration sind empirisch nicht belegt und wird von neuerer Migrationsforschung als unterkomplexe Theorie problematisiert) und unmenschlich, sondern auch verfassungswidrig.

Die Bundesregierung hat in ihrem Koalitionsvertrag den klaren politischen Willen geäußert, das Asylbewerberleistungsgesetz im Lichte der Rechtsprechung desBundesverfassungsgerichts weiterzuentwickeln und den Zugang zu Gesundheitsversorgung für Asylsuchende zu vereinfachen. Das aktuelle Vorhaben läuft dieser Absicht massiv entgegen, würde sogar das Gegenteil bewirken.

Letztlich kommt eine Schlechterbehandlung bei der Gesundheitsversorgung ganzer Bevölkerungsgruppen die Gemeinschaft auch teuer zu stehen. Denn wenn Krankheiten chronifizieren oder zum Notfall werden, kosten sie das Gesundheitssystem mehr, als wenn man sie präventiv oder bei den ersten Symptomen behandelt.

Anstatt die Leistungen für Asylsuchende immer weiter zu kürzen, fordern die unterzeichnenden Organisationen deshalb:
– Asylbewerberleistungsgesetz abschaffen!
– Den Anspruch auf alle Gesundheitsleistungen aus dem Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen für Geflüchtete gesetzlich verankern
– Einführung einer elektronischen Gesundheitskarte für Geflüchtete in allen Bundesländern
– Anspruch auf qualifizierte Sprachmittlung gesetzlich verankern
– EU-Aufnahmerichtlinie für besonders schutzbedürftige Geflüchtete flächendeckend und systematisch umsetzen

Wir bitten Sie, rechten Parolen und populistischen Hetzkampagnen gegen Migrant*innen und geflüchteten Menschen entschieden entgegenzustehen und unsere freiheitlich-demokratischen und menschen- und verfassungsrechtlichen Grundprinzipien mit Ihrer Politik zu verteidigen.

Gerne stehen wir für Rückfragen und zum persönlichen Austausch zur Verfügung.
Mit freundlichen Grüßen

1. François De Keersmaeker, Direktor von Ärzte der Welt e.V.
2. Dr. Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbands - Gesamtverband e.V.
3. Gerhard Trabert, 1. Vorstandsvorsitzender von Armut und Gesundheit in Deutschland e.V.
4. Karl Kopp, Geschäftsführer von PRO ASYL e.V.
5. Ulrike Schneck, Vorsitzende, und Lukas Welz, Geschäftsführung der BAfF
6. Nicolay Büttner, Politische Arbeit und Advocacy, Berliner Netzwerk für besonders schutzbedürftige geflüchtete Menschen
7. Dr. Claudia Tamm, MediNetz Koblenz e.V.
8. Birgit Naujoks, Geschäftsführerin des Flüchtlingsrats NRW e.V.
9. Katrin Bahr, Geschäftsführende Vorständin von Condrobs e.V.
10. Ute Hausmann, Vorstand von Refugio Stuttgart e.V.
11. Sophia Wirsching, Geschäftsführerin des Bundesweiten Koordinierungskreis gegen Menschenhandel – KOK e.V.
12. Medinetz Gießen e.V.
13. Elisabeth Helm und Almut Leiß, Vorstand des Fördervereins des Brandenburgischen Flüchtlingsrates e.V.
14. Timmo Scherenberg, Geschäftsführer des Hessischen Flüchtlingsrats
15. Flüchtlingsrat Sachsen-Anhalt e.V.
16. Martin Link, Geschäftsführer des Flüchtlingsrats Schleswig-Holstein e.V.
17. Dr.med. Angelika Leist und Kollegen, Medinetz Karlsruhe
18. Nele Wilk, Sozialarbeiterin der Clearingstelle Krankenversicherung Rheinland-Pfalz
19. Kai Weber, Geschäftsführer des Flüchtlingsrats Niedersachsen e.V
20. Bundesverband Anonymer Behandlungsschein und Clearingstellen für Menschen ohne Krankenversicherung (BACK)
21. Johanna Schwarz, Medinetz Mainz e.V.
22. Medinetz Bielefeld
23. Christiane Bachelier, Co-Vorsitzende des Vereins demokratischer Ärzt*innen
24. Dr. Lars Pohlmeier (Vorsitzender) für den Vorstand der IPPNW (Internationale Ärzt*innen für die Verhütung des Atomkrieges/Ärzt*innen in sozialer Verantwortung) e.V.
25. Jonah Lunnebach, Vorstand von MediNetzBonn e.V.
26. Andrea Günther, Sozialarbeiterin bei MedMobil – Ambulante Hilfe e.V. Stuttgart
27. Lucia Braß und Bärbel Mauch für den Vorstand des Flüchtlingsrats Baden-Württemberg e.V.
28. Medinetz Freiburg
29. FRABS (Freiburger Anonymisierter Behandlungsschein) e.V.
30. MediNetz Hannover e.V.
31. Walter Schlecht, Kampagne für die Abschaffung des AsylbLG
32. Elisa Cazzato, Vorstand von Medinetz Marburg e.V.
33. Community for all, Darmstadt
34. Gesundheitskollektiv Berlin e.V.
35. Michaela Rosenbaum, Geschäftsführerin der AWO Kreisverband Mülheim e.V.
36. Dr. Maria Decker, Vorsitzende von SOLWODI Deutschland e.V.
37. Regina Begander, Bernadette Tusch, Institut für angewandte Kulturforschung, ifak. e.V. Göttingen
38. Flüchtlingsrat Berlin e.V.
39. Noah Peitzmann, Projektkoordinator von Anonymer Krankenschein Bonn e.V.
40. Kölner Flüchtlingsrat e.V.
41. Bayerischer Flüchtlingsrat
42. Flüchtlingsrat RLP e.V.
43. Saarländischer Flüchtlingsrat e.V.
44. Torsten Jäger, Geschäftsführer des Initiativausschuss’ für Migrationspolitik in Rheinland-Pfalz
45. Flüchtlingshilfe Langenfeld e.V.
46. Dr. med. Roland Fressle, erster Vorsitzender der Refudocs Freiburg e.V.
47. Medibüro Berlin
48. Dr.med. Gerhard Bonnekamp, MediNetz Essen
49. Nanne Wienands, 2. Vorsitzende von Hilfe für Menschen in Abschiebehaft Hof e.V.
50. Dr. Udo Puteanus, Vorstandsmitglied des Vereins demokratischer Pharmazeutinnen und Pharmazeuten e.V.

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