GGUA-Infobrief 2. Jahrgang Nr. 1/2008 - März 2008

Liebe Mitglieder, liebe Ehrenamtliche und alle Interessierten!

Auch im neuen Jahr soll unser Infobrief Sie und Euch weiter über alle Neuigkeiten rund um die GGUA informieren. Zuätzlich zu unseren Kurzinfos über die einzelnen Arbeitsbereiche finden Sie wieder einen Themenschwerpunkt, der sich  in dieser Ausgabe mit der Gewalt bei Jugendlichen mit (und ohne) Migrationshintergrund beschäftigt. Wir wünschen viel Spaß bei der Lektüre!

 

 

Rückblicke

GGUA- Weihnachtsfeier 2007

 

Am 18. Dezember luden wir alle Ehrenamtlichen, Mitglieder und Freunde, die uns im vergangenen Jahr hilfreich zur Seite gestanden haben, zu einer gemütlichen Weihnachtsfeier mit Speis und Trank ein. Volker Maria Hügel (li.) gab den Nikolaus und verteilte selbstgebackene Plätzchen an alle Gäste, unser Ehrenmitglied Wilfried Grünewald las Besinnliches zur Weihnachtszeit, Frau Jäger stellte ihre Roma-Tanzgruppe vor, die mit farbenprächtigen Kostümen und einem stimmungsvollen Folkloretanz begeisterten (oben re.). Auch unsere beiden HipHop-Gruppen “DaNercs” und “Future Dancers” stellten mit zwei energiegeladenen Choreografien ihr Können unter Beweis.

 

Eröffnung der GGUA-Ausstellung “Wir sind Münster”

 

Am 12. Dezember wurde die von Nina Wiengarten (Konzeption) und Sarah Held (Fotografien) umgesetzte GGUA-Ausstellung “Wir sind Münster” im Ausländerbeirat eröffnet. Das öffentliche Interesse war gewaltig, teilweise standen die Gäste in dritter Reihe vor den ausdruckstarken Portraitfotografien von zehn Flüchtlinge aus acht Ländern, die heute alle in Münster leben. In den vergangenen zwei Monaten war die Ausstellung im JIB zu sehen, nun ist sie in die Räume der Stadtbücherei am Alten Steinweg weitergezogen, wo Interessierte sie bis zum 29. März besuchen können. Die kompletten Daten der Wanderausstellung finden Sie in unserem Infobrief von Dezember 2007.

 

 

Zu unseren Arbeitsbereichen und Projekten

Perspektivberatung für Flüchtlinge aus Münster und Umgebung

 

Ein Kernpunkt der Arbeit der GGUA ist die Perspektivberatung für Flüchtlinge. In der konkreten Einzelfallberatung haben unsere MitarbeiterInnen Iris Beckmann, Thomas Grünewald und Evica Schlosser ein offenes Ohr für die vielen Schwierigkeiten und Probleme, mit denen sich Flüchtlinge in Münster konfrontiert sehen. Hier können die Betroffenen alle Fragen stellen, von alltäglichen Problemen bis hin zu langfristigen Perspektiven. Unsere BeraterInnen bieten fachkundige Informationen und ihre Begleitung zu offiziellen Stellen an. Viele KlientInnen nutzen dieses Beratungsangebot der GGUA bereits seit vielen Jahren.

Nach der Bleiberechtsregelung von 2006 sowie dem gesetzlichen Bleiberecht von 2007 für geduldete Flüchtlinge stehen vor allem die jeweiligen Voraussetzungen und die Klärung der konkreten Situation für die Familie oder die Einzelperson im Zentrum und machen einen großen Teil der Beratungsgespräche aus. Viele Menschen haben inzwischen über die neuen Regelungen eine befristete Aufenthaltserlaubnis erhalten, noch mehr jedoch sind in dem engmaschigen Netz der Ausschlussgründe hängen geblieben und fürchten nach wie vor eine Abschiebung, und das trotz der vielen Jahre, die sie in Deutschland leben, und in denen sie hier heimisch geworden sind. Für diese erneut Ausgeschlossenen ist unsere Perspektivberatung eine wichtige Unterstützung, die sie in der kommenden Zeit umfangreich in Anspruch nehmen werden müssen; dies auch vor dem Hintergrund des neuen Staates Kosovo und der sich möglicherweise anbahnenden Abschiebungen - auch für Roma - in den Kosovo.

 

„Tanzprojekt Krumping“

 

Dank einer Spende der Volksbank Münster von 300 EUR können unsere HipHopper in stilgerechter Kleidung an dem großen HipHop-Wettbewerb "Present ya style" teilnehmen, der am 15.3.2008 in der Stadthalle Hiltrup stattfinden wird. Die „Future Dancers“ treten in der Kategorie „Teens“ an, die „Da Nercs“ tanzen in der Kategorie „Adults". Am 5. April ermöglichen GGUA und Stadtteilhaus Lorenz-Süd den „DaNercs“ außerdem die Teilnahme an einem Hiphop-Workshop in Hamburg, geleitet von Gus Bembery (Los Angeles), der unter anderem auch schon mit der Sängerin Shakira gearbeitet hat.

 

“Schlauberger”-Schulprojekt
 

 

Das zweite Schulhalbjahr hat begonnen, und das “Schlauberger”-Projekt ist in eine neue Runde gestartet. 65 Kinder mit Flüchtlings- oder Migrationshintergrund werden in diesem Halbjahr von 97 freiwilligen Helferinnen und Helfern der GGUA schulisch betreut, zum großen Teil direkt an den Schulen, einige aber auch in der Flüchtlingsunterkunft an der Warendorfer Straße.  Dass sich der Einsatz lohnt, zeigen Ergebnisse aus dem vergangenen Halbjahr: Viele Kinder aus der Flüchtlingsunterkunft sind deutlich motivierter und selbstständiger als zu Beginn der Unterstützung, und auch die schulischen Leistungen haben sich verbessert, wie ihre Zeugnisse schwarz auf weiß belegen.

Zwei Mädchen aus Afghanistan wird durch das große Engagement ihres ehrenamtlichen Betreuers im neuen Schuljahr 2008/2009 der Wechsel von der Haupt- zur Realschule bzw. zum Gymnasium möglich sein!   

Reportage über die Arbeit der “Schlauberger”

Unser “Schlauberger”-Mitarbeiter Hauke Vierke, der sich zur Zeit um eine Ausbildungsstelle bei RTL Köln bewirbt, hat für seine Aufnahmeprüfung eine Hörfunk-Reportage über unsere “Schlauberger” eingereicht. Wir drücken ihm die Daumen und freuen uns sehr, dass er unser Projekt ausgewählt hat.

 

 

Übergabe unserer Bewilligungsbescheide durch das Land NRW

 

Einen nicht unwesentlichen Teil unserer Personalkosten finanziert das Land NRW. Die Bezirksregierung Arnsberg, zuständig für die Bewilligungsbescheide, wird 2008 exemplarisch einer der geförderten Beratungsstellen öffentlich ihre Bescheide überreichen. Und das ist in diesem Jahr die GGUA! Darüber freuen wir uns natürlich sehr! Am 12. März findet die kleine Feierlichkeit mit Regierungspräsident und Vertretern der freien Wohlfahrtspflege in der Zentralen Unterbringungsreinrichtung (ZUE) für Flüchtlinge in Schöppingen statt, in der unsere KollegInnen Brigitte Derendorf und Dominik Hüging als VerfahrensberaterInnen für Flüchtlinge arbeiten.

 

Ehrenamt der Hauptamtlichen

 

Freiwillige Arbeit in der GGUA ist nicht neu – seit ihrer Gründung 1979 engagieren sich Ehrenamtliche in unserem Verein. Auch als zu Beginn der 1990er Jahre die ersten hauptamtlichen Stellen eingerichtet werden konnten, blieben die meisten der heute zehn Hauptamtlichen weiterhin im Flüchtlingsbereich ehrenamtlich aktiv.

Zum Beispiel Brigitte Derendorf, hauptberuflich Verfahrensberaterin für die GGUA in der Zentralen Unterbringungseinrichtung (ZUE) für Flüchtlinge in Nordrhein-Westfalen in Schöppingen. Ehrenamtlich ist sie „unsere“ Frau im Flüchtlingsrat NRW. Seit über sechs Jahren ist sie dort als Vorstandsmitglied aktiv. Außerdem ist sie für den Flüchtlingsrat Mitglied in der Härtefallkommission des Landes NRW. Die Härtefallkommission ist ein von der Landesregierung eingerichtetes Gremium zur Aufenthaltsgewährung in Härtefällen gemäß § 23a AufenthG. Die Mitglieder sind anerkannte Fachleute und befugt, sich auf Antrag mit Einzelfällen zu befassen, sie zu prüfen und gegebenenfalls ein Ersuchen an die zuständige Ausländerbehörde zu richten. Auch diese Arbeit leistet Brigitte Derendorf ehrenamtlich.

Volker Maria Hügel (re.), hauptamtlich Rechtsreferent im Projekt Q und zuständig für die Qualifizierung der Flüchtlingsberatung, ist langjährig aktiv in dem bundesweit agierenden Verein PRO ASYL; seit acht Jahren ist er Mitglied im Vorstand. Seine Aufgaben dort sind vielschichtig – er erarbeitet Stellungnahmen zu aktuellen Rechtsfragen, beteiligt sich an der Ausrichtung der inhaltlichen Arbeit, steht für Veranstaltungen und Vorträge zur Verfügung. Und Volker vertritt PRO ASYL in der Härtefallkommission NRW. Und auch dies ehrenamtlich.

 

 

Aktuelle Aufrufe

Da wir unsere Arbeit auf hohem Niveau weiterführen und einzelne Projektbereiche weiter optimieren möchten, sind wir für jede Unterstützung dankbar! Es gibt viele Bereiche, in denen Sie für uns ehrenamtlich tätig werden oder uns durch eine Geldspende helfen können!

 

Spendentip des Monats – Migranten ins Ehrenamt!

 

Unser Projekt “Integration begleiten!” wächst und gedeiht! Immer mehr Migrantinnen und Migranten bekunden Interesse  an einer freiwilligen Mitarbeit. Gerade Zugewanderte leben jedoch meist in finanziell bescheidenen Verhältnissen und können sich oft nicht einmal die regelmäßige Busfahrt zu ihrem Einsatzort leisten. Um diesen freiwilligen Helferinnen und Helfern, deren Unterstützung wir sehr begrüßen, ein ehrenamtliches Engagement überhaupt zu ermöglichen, möchten wir ihnen pro Monat Aufwandsenschädigungen zwischen 50-100 € zukommen lassen. Auch wenn das für die einzelne Person nicht viel ist, beläuft sich für uns die Summe dennoch auf mehrere tausend Euro im Jahr. Geld, für das wir um Ihre Unterstützung bitten! Wir freuen uns über jeden Beitrag und werden in unserem folgenden Infobrief selbstverständlich vom Spendenerfolg berichten. Bitte geben Sie als Verwendungszweck “Spende Aufwandsentschädigung” an. Ihre Spende wird garantiert ausschließlich für diesen Zweck verwendet! Vielen Dank schon im voraus für Ihre Unterstützung! Sie können direkt online spenden unter: http://www.spendenportal.de/main/org.php?id=481531012048.

 

 

Weitere freiwillige “Schlauberger”-HelferInnen gesucht!

 

Für die zwölf Kinder und Jugendlichen, denen wir in ihrer Gemeinschaftsunterkunft für Flüchtlinge an der Warendorfer Straße eine Hausaufgabenbetreuung anbieten, würden wir uns über weitere freiwillige MitarbeiterInnen sehr freuen. Die Betreuung findet jeden Montag bis Mittwoch von 14-16 Uhr in kleinen Gruppen statt.

Auch für die Förderung der Kinder an den Grundschulen und der Förderschule Albert-Schweitzer-Schule suchen wir noch 15-20 weitere freiwillige MitarbeiterInnen. Hier findet die Betreuung 1:1 statt, d.h., jede/r Ehrenamtliche begleitet ein Kind 1-2 mal pro Woche für eine Stunde direkt in den Räumlichkeiten der Schule.

Fachkenntnisse sind nicht erforderlich, da wir regelmäßig Fortbildungen und Beratungen für unsere freiwilligen HelferInnen anbieten, und unsere Projektleiterin Johanna Kokoszka darüber hinaus für Fragen jederzeit zur Verfügung steht. Bei Interesse melden Sie sich bitte bei Frau Kokoszka unter kokoszka@ggua.de oder unter 0251/14486-0.

 

Termine Termine Termine

Wir bringen die Themen der GGUA Flüchtlingshilfe an die Öffentlichkeit! Zu folgenden Terminen können Sie sich direkt über uns und unsere Arbeit informieren und uns unterstützen:

 

Interkulturelles “Quassel-Café” von und für Frauen

 

Ein offener Treff mit Kaffee und Kuchen für Frauen aller Nationalitäten in den Räumlichkeiten der GGUA. Eine Voranmeldung ist nicht nötig. Fühlen Sie sich herzlich eingeladen!

Dienstag, 8. April 2008, 16-18 Uhr

Dienstag, 13. Mai 2008, 16-18 Uhr

Dienstag, 10. Juni 2008, 16-18 Uhr

 

Kostenlose Fortbildung für freiwillige MitarbeiterInnen in den Räumlichkeiten der GGUA Flüchtlingshilfe, jeweils 10-14 Uhr

 

28.03.2008:       2.Teil der Schulung zum Aufenthaltsgesetz, mit Volker Maria Hügel
04.04.2008:       3.Teil der Schulung zum Aufenthaltsgesetz, mit Volker Maria Hügel

9. April 2008 im “Cinema”: Diskussionsmöglichkeit mit Volker Maria Hügel

Im Rahmen des Filmfestivals "ueber morgen” können Sie am 9. April um 18.30 Uhr im “Cinema” den Dolumentarfilm “I broke my future –Paradies Europa” sehen, der seine Erzählung dort beginnt, wo die tagtägliche Berichterstattung über die Fluchtgeschichten von Afrikanern, die versuchen, Europa zu erreichen, aufhört. Volker Maria Hügel steht im Anschluss an den Film für aufenthaltsrechtliche Fragen des Publikums zur Verfügung . Ort: Cinema - Warendorfer Str. 45 - 48145 Münster.

27. April 2008: Vernissage der Ausstellung “The Invisible Train” von Thomas Nufer

 

Im Rahmen des Programmes “Vielfalt tut gut” hat der Münstersche Künstler Thomas Nufer gemeinsam mit Jugendlichen eine Güterwagen-Installation geschaffen, in der sie mit künstlerisch-dokumentarischen Mitteln das Leben von Flüchtlingen in einer gesellschaftlichen Grauzone darstellen. Volker Maria Hügel wird bei der Eröffnung anwesend sein und in einem Kurzvortrag in die Problematik einführen. Uhrzeit und Ort (im Bahnhofsbereich) stehen noch nicht fest. Wir werden Sie auf unserer Homepage darüber auf dem Laufenden halten!

 

 

Themenschwerpunkt

Von gewalttätigen Migranten und "gefühlten" Statistiken – ein Kommentar

 

Dr. Ulrike Löw, Referentin für Öffentlichkeitsarbeit der GGUA Flüchtlingshilfe

 

Ein 20jähriger Türke und ein 17jähriger Grieche, die kurz vor Weihnachten in der Münchner U-Bahn einen Rentner brutal zusammenschlugen, setzten in ganz Deutschland eine erregte Debatte über die Gewaltbereitschaft jugendlicher Migranten in Gang. In der politischen Öffentlichkeit hat sich die Aufregung inzwischen ein wenig gelegt. Die Thematik hat dadurch jedoch nichts an Brisanz verloren. In Internetforen beispielsweise ist diese Diskussion noch immer ausgesprochen aktiv, und die oft mit Halbwissen und Verallgemeinerungen gespickten Kommentare sind bisweilen erschreckend.

 

Im Schutz der Anonymität stehen dort z.B. Kommentare wie:„Bevor Islamkritik bei uns verboten wird, möchte ich noch schnell den Islam - die Religion des Friedens – kritisieren [beigefügt ist das Foto einer gesteinigten Muslima]. Ich finde Steinigungen nicht gut. Andererseits fände ich es nicht schlecht, wenn jugendliche Straftäter mit islamischem Migrationshintergrund nach den Gesetzen ihrer Heimat bestraft würden. Wenn 14jährige dort bereits wegen Alkoholkonsums öffentlich ausgepeitscht werden, würde mich mal interessieren, was für eine Strafe die Scharia für 'Rentner niederschlagen' vorgesehen hat. Wenn Diebstahl mit dem Abhacken der Hand bestraft wird, würde dies bestimmt auch für das beliebte 'Abziehen' (Migrantenjargon für Raub) gelten.“

 

Bei Beiträgen wie diesem lassen entsprechende Gegenkommentare selbstverständlich nicht lange auf sich warten. Dabei fällt auf, dass diese Debatten häufig einen uniformen, sehr vorhersehbaren Verlauf nehmen. Beide Seiten werfen sich gleichermaßen gerne eine undifferenzierte Argumentation vor. Die eine Seite steht unter dem Generalverdacht der Xenophobie (Angst vor Fremdem) und des Rassismus, der anderen Seite wird Schönfärberei und das Bedienen der „Nazi-Keule“ unterstellt. Damit sind die Positionen scheinbar klar bestimmt.

 

Man kann den Eindruck gewinnen, auf beiden Seiten wird gezielt aneinander vorbei diskutiert. Ein Internet-Blogger fasste dies unlängst in dem sehr treffenden Kommentar zusammen: “Ausländerkriminalität? Verwirren Sie mich nicht mit Fakten, ich habe schon eine Meinung!” Hier Daten zu vermitteln, ohne gleich in den Verdacht zu geraten, sich für die eine oder andere „Seite“ instumentalisieren zu lassen, ist ausgesprochen schwierig.

 

Tatsache ist: Es gibt eine messbare Gewaltbereitschaft unter jugendlichen Migranten. Einige Statistiken scheinen sogar auf eine höhere Zahl jugendlicher Straftäter mit Migrationshintergrund als solche ohne hinzuweisen. Daraus abzuleiten, Jugendgewalt sei speziell ein Migrantenproblem, ist dennoch nicht korrekt, wie mehrere seriöse Studien belegen, unter anderem eine des Bundesinnenministeriums vom Juli 2007.

 

Danach werden die meisten Gewaltdelikte von in Großstädten lebenden, jungen männlichen Tätern aus sozialen Schichten mit niedrigem Einkommen und geringer Bildung verübt. Dort erfahren die Kinder und Jugendlichen nicht selten auch schon in ihrem eigenen familiären oder sozialen Umfeld Gewalt. Bei jungen Ausländern und jungen Deutschen, die in einer solchen Gesamtsituation aufwachsen, ist die Delinquenzbereitschaft nachweislich gleich hoch. Es erfüllen allerdings deutlich mehr Migranten als Einheimische die genannten Bedingungen. Das erklärt ihre – gemessen an ihrem Bevölkerungsanteil – höhere Gewalttätigkeitsrate. Hier überzeichnet also die Kriminalstatistik, in der Straftaten immer in Relation zu den Bevölkerungsanteilen gesehen werden, die Probleme.

 

Dass die generelle Bildungsmisere besonders Kinder mit Migrationshintergrund ins schulische Abseits drängt, ist seit den Pisa-Studien bekannt. Sie geht nicht auf eine geringere Intelligenz dieser Kinder zurück, sondern auf besonders erschwerte Lernbedingungen. So sind z.B. deren Eltern mit der Hausaufgabenbetreuung noch wesentlich häufiger überfordert als deutsche Eltern in ähnlicher sozialer und finanzieller Situation. Eine Nachhilfe wiederum können sie nicht finanzieren. Die häufig beengten Wohnverhältnisse, z.B. in Gemeinschaftsunterkünften, erlauben den Kindern außerdem nicht, ihre Hausaufgaben in Ruhe zu erledigen. Dort, wo ausländische Jugendliche verbesserte Bildungschancen haben, sinkt nachweislich auch ihre Gewaltquote.

 

Insgesamt ist bei vielen Bürgerinnen und Bürgern der Eindruck entstanden, die Gewaltbereitschaft der Jugendlichen in Deutschland sei in den vergangenen 10-15 Jahren geradezu explodiert. Dies liegt zum einen daran, dass die Medien um ein Vielfaches häufiger darüber berichten als früher, zum anderen werden Straftaten öfter zur Anzeige gebracht, wie das Statistische Bundesamt im Januar 2008 bekannt gab. Dass die Gesamtzahl der Jugendstraftaten seit den 90er Jahren nicht gestiegen, sondern in den vergangenen Jahren sogar leicht gesunken sei, hätten wissenschaftliche Erkenntnisse aus Opfer- und Täterstudien sowie Statistiken der Unfallversicherer ergeben. Es handle sich bei der Zunahme registrierter Gewaltkriminalität daher lediglich um eine Verschiebung der nicht registrierten, zu den polizeilich bekannt gewordenen Straftaten.

 

Bei aller Relativierung lässt sich jedoch nicht leugnen, dass die Gewalttätigkeit von Jugendlichen (mit oder ohne Migrations-geschichte) vorhanden und zu Recht besorgniserregend ist. Dass hier dringender Handlungsbedarf besteht, steht außer Frage.

 

Die Forderung einiger Politiker, mehrfach straffällig gewordene Jugendliche mit Migrationshintergrund auszuweisen, ist jedoch nur der Versuch, von eigenen Versäumnissen abzulenken und schnelle Scheinlösungen zu präsentieren: Denn kriminelle deutsche Jugendliche können nicht ebenfalls ausgewiesen werden – für sie muss auf jeden Fall eine inländische Lösung gefunden werden. Diese kann problemlos auch bei jugendlichen Straftätern mit Einwanderungshintergrund ange-wendet werden, zumal viele von ihnen bei uns aufgewachsen sind, d.h. ein Produkt unserer Gesellschaft (und ihrer Versäumnisse) darstellen.

 

In einigen Medien wurde der Eindruck erweckt, als seien die üblichen Strafmaßnahmen auf Jugendliche mit Migrationshintergrund nicht anwendbar. So verzerrte die Kampagne der BILD-Zeitung mit Titelzeilen wie "Irre! Asylrecht schützt Münchner U-Bahn-Schläger" die Tatsachen gleich in mehrfacher Hinsicht. Zum einen waren die beiden jugendlichen Schläger aus München keine Asylbewerber, sondern Migranten, die in Deutschland aufgewachsen sind - einer von beiden stammt sogar aus einem EU-Mitgliedsstaat. Außerdem mag das Asylrecht womöglich vor einer Abschiebung schützen, jedoch nicht vor der regulären Strafverfolgung durch deutsche Behörden, wie bei jedem deutschen Straftäter auch.

 

Neben der Strafverfolgung muss die Bekämpfung von Jugendkriminalität jedoch vor allem ursachen- statt symptomorientiert sein. Resozialisierungsmaßnahmen unter sozialpädagogischer Aufsicht – von Kritikern als nutzlose "Kuschelkurse" abgewertet – gehen zwar in die richtige Richtung, reichen jedoch leider bei weitem nicht aus. Stattdessen sind gesamtgesellschaftliche Veränderungen notwendig, d.h. die grundsätzliche Beseitigung von Bildungsmängeln und Perspektivlosigkeit für Jugendliche aus sozial benachteiligten Schichten. Dann klappt’s auch mit dem Nachbarn…

 

Weiterführende Links:

Bundesministerium des Inneren: Muslime in Deutschland: Integration, Integrationsbarrieren, Religion und Einstellungen zu Demokratie, Rechtsstaat und politisch-religiös motivierter Gewalt (Juli 2007):

 

Statistisches Bundesamt Deutschland: Jugendkriminalität in Deutschland, Destatis 24. Januar 2008: